Zeitlos: ein Wochenende auf Wangerooge mit Kind

Was hat die Nordseeinsel Wangerooge mit Kindern gemeinsam? Ganz einfach: Zeit spielt keine Rolle. Deshalb ist Familienurlaub auf Wangerooge eine sehr entspannte Sache. Auf der zweitkleinsten Insel geht alles etwas langsamer. Denn hier gibt es keine Autos, sondern nur Fahrräder. Auch wenn man wie wir zum Auftakt der Osterferien anreist, beginnt die Erholung schon bei der Überfahrt.

– Reportage von einem Wochenende auf Wangerooge mit Kind –

Gott schuf die Zeit, von Eile hat er nichts gesagt. Schon bevor mein Sohn und ich die Füße auf Wangerooger Boden setzen, habe ich diesen Spruch zweimal gelesen. Und als ob die ostfriesische Insel eine heimliche Hektikbremse für ihre Besucher bereithält, schalten wir sofort einen Gang runter. Das typische Insel-Feeling macht sich breit: Keine Sorge, ihr verpasst nichts, genießt das Hier und Jetzt, scheint uns Wangerooge zuzurufen. Ich freue mich auf ein geruhsames Wochenende auf Wangerooge mit Kind.

Ganz entspannt: Urlaub auf Wangerooge mit Kind

Mit knapp neun Kilometern Länge und einer maximalen Breite von gut zwei Kilometern ist zählt Wangerooge zu den kleinen Nordseeinseln. Im Inseldorf leben gerade mal 1300 Einwohner. In der Hochsaison halten sich aber knapp zehnmal so viele Menschen auf der östlichsten bewohnten ostfriesischen Insel auf. Die Inselbewohner sind daran gewöhnt. Der Tourismus begann hier bereits um 1800, als Wangerooge Badeort wurde.

Die Fährüberfahrt von Harlesiel durchs Weltnaturerbe Wattenmeer dauert rund eine Stunde. Wir verbringen sie zwar an Deck, vermissen aber unsere Fleecejacken. Denn diese Zusatzschicht Klamotten habe ich leichtfertig in die Fahrradtaschen gepackt und mit den Rädern zum Verschiffen abgegeben. Die steife Nordseebrise weht Anfang April noch frisch, und die Sonne ist die meiste Zeit von Wolken verdeckt.

Gott schuf die Zeit …

Das erste, was wir von Wangerooge sehen, ist unser Zuhause für die nächsten zwei Tage. Der markante Westturm der Insel ist schon vom Festland aus zu erblicken. Er wurde in den frühen 30er Jahren als Jugendherberge erbaut, und diesem Zweck dient er heute noch. Vom Fähranleger wäre er auf kurzem Weg erreichbar, doch wir wollen uns ein Highlight der Insel nicht entgehen lassen. Vorbei an drei hölzernen Stelzenhäusern steigen wir deshalb vom Schiff in die Inselbahn um. Die Schmalspurbahn schaut auf eine über hundertjährige Geschichte zurück.

Schön alt: Die Inselbahn - erstes Highlight auf Wangerooge mit Kind

Am Samstag vor Ostern ist der Zug beinahe überfüllt. Gefühlt dauert es eine Stunde, bis er endlich losfährt, aber Gott schuf die Zeit … und ich bin gespannt auf die Fahrt durch die Salzwiesen – eine einzigartige Landschaft, die nur das Wattenmeer zu bieten hat. Außerdem will ich bei meinem Kurzbesuch auf Wangerooge mit Kind wenigstens einen kurzen Blick auf den Ort werfen, bevor wir in den Inselwesten weiterziehen.

Nach der Einfahrt in den Bahnhof vergeht bestimmt eine weitere halbe Stunde, bis wir unser Gepäck bekommen. Wir sind hungrig und ausgekühlt. Die Stimmung droht zu kippen, also suche ich schnell ein Restaurant für das überfällige Mittagessen und bestelle Ostfriesentee zum Aufwärmen. Eine besondere Schönheit ist das Ortszentrum des Inseldorfes nicht. Doch der alte Leuchtturm ist hübsch herausgeputzt, und auch der Bahnhof hat Charme.

Radfahren mit Kind auf autofreien Wegen

Meinen neugierigen kleinen Reisebegleiter interessieren die Sehenswürdigkeiten von Wangerooge wenig. Er kann es kaum erwarten, den mächtigen Westturm von Nahem kennenzulernen. „Sind da auch andere Kinder?“, wollte er wissen, und seit ich diese Frage bejaht habe, ist bei ihm ein innerer Turboantrieb angesprungen, der ihn so schnell radeln lässt, dass ich mit dem Gepäck sportlich fahren muss, um mitzuhalten. Auf den autofreien Wegen ist er mitunter weit voraus.

Radfahren mit Kind auf Wangerooge

Dass ich dem Turbo-Radler nur mit Mühe hinterher komme, ist jedoch nicht nur dem Gepäck geschuldet, sondern auch der Natur und Landschaft, die uns umgibt. Sie fesselt mich mit ihrem Abwechslungsreichtum. Kaum haben wir das Inseldorf verlassen, sehen wir einen Fasan über die Wiese neben dem Weg stolzieren. Wenig später fliegen massenweise Wildgänse von einem Tümpel in einer Wiese auf. Ihr typisches Geschrei kennen wir gut aus der Uckermark. Dort wie hier auf Wangerooge haben sie einen ihrer wichtigsten Rastplätze auf dem Weg zu den Brutgebieten im Norden. Dann begleitet mich bei der kurzen Radtour auf Wangerooge mit Kind ein Falke in nächster Nähe bis zum Leuchtturm am Eingang zur Ferienheimsiedlung am Westende der Insel.

„Eine Wippe“, ruft der Sohn freudig, als wir schließlich um den Westturm herum auf das Gelände der Jugendherberge Wangerooge einbiegen. Schnell wirft er den Fahrradhelm ab und erkundet den Spielplatz mit Schaukel, Wasserbahn und Wippe im Dünensand. Die Torwand und den Basketballkorb hat er auch bald entdeckt. Großzügig lässt er mich entscheiden, ob ich lieber Fußball oder Basketball spielen möchte. Dann leiht er an der Rezeption einen Basketball aus, noch bevor wir unsere Zimmerschlüssel abholen. Irgendwann ist der Sohn aber genauso neugierig wie ich, wie wohl ein Turmzimmer aussieht.

Jugendherberge Westturm Wangerooge mit Kind

Übernachten im Westturm von Wangerooge mit Kind

Wir sind in einem würfelförmigen Zimmer in der zweiten Etage des insgesamt siebenstöckigen Turms untergebracht. Die einfache, aber zweckmäßige Einrichtung besteht aus Etagenbett, einem runden Tisch, zwei Stühlen und Schrank. Nach Osten und nach Süden geben große Fenster den Blick über die Salzwiesen und zum Fähranleger frei. Die braunen Bodenkacheln wirken, als ob sie zur Originalausstattung des denkmalgeschützten Turms gehören. Unser privates Bad im Flur macht aber einen sehr modernen Eindruck. Nachts ist es unglaublich still. Auch von den vielen anderen Kindern ist nichts zu hören – dank der dicken Turmmauern.

Übernachten in der Jugendherberge im Westturm Wangerooge mit Kind

Am nächsten Morgen weckt uns die strahlende Morgensonne lange bevor es Frühstück gibt. Die Fenster sind vom Nebel beschlagen, der sich erst langsam lichtet. Die Salzwiesen glänzen im Morgentau. Nach unserem Morgenspaziergang haben wir ordentlichen Frühstückshunger. Der Sohn isst Müsli und Brötchen und ist – entgegen sonstiger Gewohnheiten – trotzdem vor mir fertig. Gemeinsam mit dem Jungen vom Nachbartisch ist er wenig später zum Fußballspielen verschwunden. Zum Glück gibt es hier quasi nichts zu befürchten. Also lasse ich ihn laufen, packe unser Lunchpaket für die geplante Radtour über die Insel Wangerooge mit Kind und beende in Ruhe mein Frühstück.

Kind auf dem Deich von Wangerooge vor der Jugendherberge im Westturm

In luftiger Höhe: Turmbesteigung

Eine Stunde später ist das Kind immer noch in einer großen Gruppe anderer Kinder rund um Wangerooges Westturm unterwegs, inzwischen bei den Häschen, Meerschweinchen und Hühnern. Der unterwegsmitkind-Sohn rennt um den Hühnerstall, klappert mit einem Eimer voll geraspelter Möhren und freut sich, dass die Hühner ihm immer hinterher laufen. An Aufbruch ist nicht zu denken. Da fällt mir ein, dass ich auf den Turm steigen könnte. Zwei weitere Frauen mit Töchtern warten bereits auf den Schlüssel. Mehr als sechs, sieben Leute dürfen nicht gleichzeitig hoch.

Jugendherberge Wangerooge mit Kindern beim Hühnerfuttern

Auf dem Dachboden weht Wärme trockene Speicherluft. Der Dachstuhl des dreiteiligen Turmes ist von ungewöhnlich vielen Balken in den wildesten Winkeln durchzogen. Eine Wendeltreppe verengt sich nach oben hin immer mehr. Durch eine Luke steigen wir schließlich in ein gemütliches kleines Turmzimmerchen mit Fenstern rundum. Der Ausblick hält leider nicht, was der strahlend blaue Himmel versprochen hat. Denn es ist dunstig und schon die Nachbarinsel Spiekeroog versinkt im Dunst. Schneller als mir lieb ist, steigt die kleine Gruppe wieder ab.

Aber langsam will ich ja auch mal zu der geplanten Inselradtour starten. Jetzt klappt es auch, den Sohn zu begeistern, denn fast alle anderen Kinder sind inzwischen auch schon weg. Der Plan: Wir fahren in den Inselosten und spazieren dort am Strand und Watt entlang um die Ostspitze herum. Der Strand im Westen – also auch der an der Jugendherberge – ist bis zum Inseldorf gesperrt. Dort werden drei Jahre lang die Befestigungen erneuert, die verhindern sollen, dass Wangerooge noch weiter in Richtung Südosten wandert, so dass auch der zweite Westturm wie sein Vorgänger eines Tages im Meer nordwestlich der Insel stehen würde.

Radtour über die ganze Insel

Das Radeln klappt super. Wir legen einen kurzen Zwischenstopp am Teichpark ein, wo eine ganze Waldwiese voller Osterglocken blüht. Noch einmal stoppen wir am Nationalparkhaus. Dort wird gerade ein Walskelett im Garten aufgebaut, das so lang wie das ganze Haus ist.

Dann radeln wir schnell durchs Dorf und vorbei am Flugplatz weiter nach Osten. Auf einem Deich ist die Radstrecke zu Ende. Von dort aus laufen wir durch die Dünen zum Strand. „Endlich Strand. Endlich an der Nordsee“, ruft mein Sohn und spricht mir aus der Seele.

Ich kann gar nicht genug davon kriegen, an dem breiten weißen Sandstrand entlangzulaufen. Mein kleiner Reisebegleiter würde dagegen am liebsten sofort Picknick machen. Als ein merkwürdiges Stück umgegrabener Sand vor uns liegt, setzen wir uns und packen unser Lunchpaket aus.

Wir hätten kein besseres Wetter erwischen können. Es ist ein warmer, sonniger Apriltag, der den Mai schon ahnen lässt. Die kühle Brise vom Vortag ist nur noch ein angenehm erfrischendes Lüftchen. Dass das Wasser zum Baden dennoch zu kalt ist, sieht der Sohn zum Glück schnell ein. Stattdessen sammeln wir Muscheln.

Strandspaziergang auf Wangerooge mit Kind

Eigentlich würde ich gerne die Ostspitze umrunden. Das wäre ein zusätzlicher Fußweg von rund einer Stunde, doch mein kleiner Begleiter will lieber zurück. Also nehmen wir den nächsten Übergang durch die Dünen zur Wattseite und laufen dort zurück Richtung Westen. Das Watt spielt in wunderschönen Grün-, Blau- und Brauntönen. Doch im Windschatten der Dünen ist es schon fast zu warm zum Strandwandern. Also queren wir die Dünen am nächsten Übergang nochmal. Von einem Aussichtspunkt aus sehen wir dann doch noch die Ostspitze der Insel, wenn auch in weiter Ferne. Zugleich treffen wir dort den Fußballkumpel meines Sohnes aus der Jugendherberge und seine Eltern – Wangerooge ist eben eine kleine Insel.

Als wir am Strand entlang weitergehen, fahren geländegängige Volvo-Kipplaster an uns vorbei. Sie holen Sand aus dem umgegrabenen Flecken am breiten Oststrand, und bringen ihn zum schmaleren Weststrand. Damit arbeiten sie dem Meer entgegen. Mein Sohn ist gleichzeitig fasziniert von den Riesenfahrzeugen, die wasserspritzend durch kleine Lagunen fahren und empört darüber, dass sie den Strand kaputt machen.

Nach einem Eis und einer ordentlichen Menge Wasser im nächstbesten Café fahren wir mit den Rädern wieder westwärts. Diesmal nehmen wir den windigeren Weg über den Süderdeich. Als wir auf das bekannte letzte Wegstück zur Jugendherberge einbiegen, ist der Sohn nicht mehr zu bremsen. Irgendwann lasse ich ihn einfach weiterdüsen und mache einen Fotostopp am Wildgänseteich.

Am nächsten Morgen raunt ein Sturmwind durch den Westturm. Doch es steht auch schon die Abreise bevor. Das Schiff, das wir nehmen wollen, geht gegen 11 Uhr. Also lassen wir es gemütlich angehen. Gott schuf die Zeit … Doch beim Check Out stellt sich heraus, dass wir nicht direkt am Fähranleger einsteigen können, sondern zum Bahnhof müssen, um unsere Kurtaxe zu bezahlen und unser Gepäck für die Rückfahrt einzuchecken. Bis zur Abfahrt des Zuges bleibt gerade mal eine habe Stunde. Nun ist doch Eile angesagt. Kopfschüttelnd verfrachten die Bahnmitarbeiter in letzter Minute unsere Räder auf den freien Ladewagon. Wir springen direkt auf den Waggon dahinter – und genießen noch einmal die langsame Fahrt durch die Salzwiesen, bevor uns das Schiff im Sturm schaukelnd wieder aufs Festland trägt.

Unser Aufenthalt auf Wangerooge wurde vom Verband der Jugendherbergen im Nordwesten unterstützt.

15 Kommentare

  1. Liebe Angela,

    was für ein schöner Beitrag. 🙂 Es scheint so, dass ihr einen entspannte Zeit im Norden gehabt habt. Tatsächlich hat das Meer auf mich eine ähnliche entschleunigende Wirkung wie bei euch.
    Wenn mir die Meeresbrise um die Nase weht, sind alle Sorgen wie weggeblasen. Als ob dir das Wasser sagen würde, dass alles schon gut wird.
    Danke, dass du uns eure Erfahrungen in einem so schönen Artikel geschildert hast. 🙂

    Viele liebe Grüße
    Kathi

    • Danke liebe Frauke!
      Auf Wangerooge kann man sich auch wirklich schnell zuhause fühlen.
      Liebe Grüße
      Angela

  2. Dem kleinen Reisebegleiter scheint die Reise einen riesigen Spaß gemacht zu haben. Das fühle ich irgendwie aus deinen Worten und Bildern raus. 🙂 Ich finde es immer wieder toll, welche Möglichkeiten wir heutzutage haben. Ich erinnere mich noch, dass ich früher als Kind kaum mit meinen Eltern verreist bin. Total schade, da Reisen so viel bewirkt bei Kindern. Nur meine laienhafte Meinung. 😉

    LG Daniela

    • Liebe Daniela,
      da hast du völlig recht! Mein Sohn war auf Wangerooge voll in seinem Element. Ich glaube, es hat sich inzwischen viel verändert und Eltern reisen viel mehr mit ihren Kindern. Das ist ja auch gut so. Ich bin überzeugt, dass die vernünftigste Weltanschauung die ist, die sich daraus bildet, dass man die Welt anschaut.
      Liebe Grüße
      Angela

  3. Hallo Angela,
    das hört sich nach super entspannten und schönen Tagen auf der Insel an! Gerade zum Fahrradfahren mit Kind ist es bestimmt sehr angenehm, keinen Autoverkehr zu haben. Dann radelt es sich doch etwas sorgenfreier. Die Fotos sind wunderschön und vermitteln eine ruhige Atmosphäre, die auch in deinem Artikel heraussticht. Wirklich toll geschrieben!
    Liebe Grüße,
    Kuno

  4. Liebe Angela,
    die Bilder sind toll und die Strände auf Wangerooge wunderschön. Der Bahnhof ist wunderbar – ich liebe solche Bauten. Ein echt tolles Fotomotiv ist das. Ich war mal auf den auch autofreien Schäreninseln vor Göteborg. Das fand ich auch total schön und entspannend ohne Autos. Genauso stelle ich mir diese Nordseeinsel vor.
    LG aus Kärnten, Anita

    • Liebe Anita,
      Die Schäreninseln bei Göteborg fände ich auch mal spannend! Und autofreie Inseln sind einfach immer total entspannend.
      Liebe Grüße ins schöne Kärnten!
      Angela

  5. Hallo Angela,
    diese Nordseeinseln kenne ich auch viel zu wenig, dabei haben sie wirklich was. Vor allem Entspannung, Ruhe, gute Luft, Langsamkeit, Zeit mit der Familie.
    Das bringt Dein Artikel so richtig gut rüber. Danke dafür!
    Liebe Grüße
    Barbara

  6. Hallo Angela, dein Bericht schildert wunderbar, wie entspannt es dort sein muss. Kinder brauchen nicht immer All-Inlusive-Action, ganz im Gegenteil. Meine vier Kinder waren immer ganz besonders glücklich, wenn wir in den Bergen unterwegs waren, davon gibt es ja hier genug. Liebe Grüße aus Salzburg, Claudia

    • Liebe Claudia,
      die Erfahrung habe ich auch schon oft gemacht, dass die Kids am besten drauf sind, wenn sie einfach nur in der Natur sein können. Danke für die Blumen 😉
      Liebe Grüße
      Angela

  7. Liebe Angela,
    dein Artikel hat mir gerade eine schön entspannte Prise Nordseeluft in einen stressigen Tag gezaubert. Wangerooge hört sich wirklich toll an und dein Artikel strahlt Begeisterung und Ruhe zugleich aus. Danke für den schönen mentalen Kurzurlaub! 🙂
    Liebe Grüße,
    Jessi

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