Unterwegs zuhause – zuhause unterwegs

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Genau zwei Wochen haben wir es nach vier Monaten unterwegs zuhause in Berlin ausgehalten. Nicht etwa, dass es uns dort nicht gefällt. Aber vier freie Tage am Stück schreien nach einem Kurztrip. Und natürlich schrie Omi nach dieser langen Reise nach ihrem Enkel. Und der nach ihr. Also auf ins Fichtelgebirge. Der Alltag kehrt früh genug ein.

P1090687Alles blüht! Alles! Wir hätten uns keinen besseren Zeitpunkt für unsere Rückkehr nach Deutschland aussuchen können. Kirschblütenteppiche überziehen die Gehwege in Berlin-Kreuzberg. Im Vorgarten duftet der Flieder. Auch das Wetter meint es gut mit uns. Seit wir wieder in Deutschland sind, ist es nicht kälter als zuletzt in Kalifornien, manchmal sogar wärmer, und Regen fällt bisher nur nachts. Selbst die Eisheiligen zeigen sich mild.

Mir fällt ein altes Volkslied ein: „Kein
schöner‘ Land zu dieser Zeit als hier das unsere weit und breit …“ Wir haben in den letzten vier Monaten viel Schönes und Einzigartiges gesehen. Aber nun genieße ich auch die heimische Landschaft. Schöner kann sie nicht sein. Auch bei der Autobahnfahrt auf der A9 Richtung Süden blüht alles. Am Straßenrand ziehen Büsche blassrosa vorbei. Weiter entfernt unterbrechen viele große gelbe Flecken die verschiedenen Grüntöne. Dank Biogas und Biodiesel wird immer mehr Raps angebaut. Dem Landschaftsbild tut das gut. Ganz im Gegensatz zu einem anderen Ökotrend: Ganze Felder voller Solaranlagen sehen wir im Fichtelgebirge. Wahrscheinlich wird man sich an diesen Anblick genauso gewöhnen wie an die Windkraftanlagen.

Wetterwarnungen und Gepäckberge

P1090708Zu dieser Jahreszeit ins Fichtelgebirge zu fahren birgt gewisse Risiken. Das Thermometer klettert dort meist lange nicht so hoch wie in Berlin und stürzt vor allem abends deutlich tiefer ab. Außerdem liegt auf dem Himmelfahrtstag ein Wetterfluch: Die Jahre, in denen an diesem Feiertag in meiner Geburtsheimat die Sonne schien, kann ich an einer Hand abzählen. In meiner Erinnerung herrschen Radtouren unter grauem Himmel mit Dauerniesel und solche mit viel Wind und plötzlichen Wolkenbrüchen vor. Letztes Jahr feierten wir bei Dauerregen die Einweihung eines neuen Radweges. Die Blaskappelle blies gegen das Prasseln auf dem Zeltdach an. Rund um das Festzelt floss ein Wassergraben. Ich war pitschnass, nachdem ich uns Bratwürste geholt hatte. Immerhin der Sohn hatte seinen Riesenspaß beim Pfützenhüpfen.

P1090740Für den Kurztrip kamen diesmal also dicke Pullis, Regenjacken, Gummistiefel und eine Sporttasche voller Spielzeug für drinnen mit. Auch das Fahrrad des Sohnes musste aus der Kita abgeholt werden. Am Ende haben wir für vier Tage im Fichtelgebirge ungefähr dreimal soviel Gepäck dabei wie für vier Monate in den drei Amerikas. Wie dort ist es auch hier zu viel. Das Spielzeug findet kaum Beachtung. Die Gummistiefel bleiben in der Reisetasche. Zu meiner Freude macht das Himmelfahrtswetter dieses Jahr eine Ausnahme. Herrliche Maiensonne strahlt vom weißblauen bayrischen Himmel. Beste Bedingungen für eine richtig schöne Radtour.

Fichtelgebirgs-Familienklassiker-Radtour

P1090704Doch der Sohn ist nicht vors Gartentor zu bewegen. Er braucht und will nur Omi, die Wiese, seinen Rechen und vor allem den alten Tret-Traktor, der ordentlich laut durch den Garten rattert. Das bleibt den ganzen Feiertag so. Die geplante Tour holen wir am nächsten Tag nach. Das hat einen großen Vorteil: Die Radwege sind leer. Die Strecke, die ich für die Fichtelgebirgs-Radtour-Premiere des Sohnes ausgesucht habe, ist ein Klassiker für Familien. Sie führt weitgehend autofrei über Rad- und Waldwege vorbei an stillen Dörfern zum knapp sechs Kilometer entfernten Steinhaus. In der Bio-Land- und -Gastwirtschaft locken Eis und ein einfacher Spielplatz. Das treibt den Sohn sechs Kilometer lang an, ohne dass ich einmal den gefürchteten Satz höre: „Mama, sind wir bald da?“ Bergauf müssen wir zwar gelegentlich schieben, doch bergab rollt es herrlich. Daran hat der Sohn Riesenspaß. Am Ziel sind wir fast die einzigen Gäste. Ich genieße die Stille. Kein Straßenverkehr weit und breit. Nur die frischen Kastanienblätter rascheln im Wind.

P1090710Am nächsten Tag will der Sohn selber los, bergab sausen. Außerdem hat er Gefallen am Wald gefunden. Wir fahren zwei Kilometer in die andere Richtung fast nur auf Radwegen bis zum Kleehof. Der Einsiedlerhof im Wald bewirtet seine Gäste von Donnerstag bis Sonntagnachmittag.

P1090715Nicht nur der Wald lockt im Fichtelgebirge. Das landwirtschaftliche Gerätemuseum von Bergnersreuth ist ein Highlight für den Sohn als Möchtegern-Bauern und künftigen Berufs-Traktorfahrer. An diesem Sonntag feiert es Museumsfest mit vielen Kunsthandwerker-Ständen. Natürlich dürfen die fränkischen Bratwürste nicht fehlen. Diesmal genießen wir sie bei strahlender Sonne.

Maiensonnenbrille

Wieder scheint der Alltag weit entfernt, obwohl wir noch am selben Abend nach Berlin zurückfahren. Dort hat sich der Alltag einerseits ganz schnell wieder eingespielt. Der Sohn geht gern in die Kita. Die Erzieherin sagte nach dem zweiten Tag: „Für ihn ist es, als wäre er nie weggewesen.“ Ähnlich fühle ich mich im Beruf. Die Arbeit geht mir leicht von der Hand. Den gewohnten alten Takt habe ich aber noch nicht gefunden, nicht nur im Job. Etwas Befremden haftet immer noch an jedem Tag, auch wenn die freudigen Begrüßungen langsam ein Ende nehmen. Und manches erscheint in neuem Licht – oft schöner als bisher. Oder ist das schlicht die Maiensonnenbrille?

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