Hallo Nachbarn! Urlaub mit Kindern im Feriendorf

Früher dauerte es nach einem Umzug nie lange, bis ich die neuen Nachbarn kannte. Denn ich hatte zwei freilaufende Katzen, die stets die Nachbarschaft erkundeten. Heute habe ich ein Kind, das stets die Nachbarschaft erkundet. Auch im Urlaub. Im Feriendorf sind Mama und Sohn von unterwegsmitkind schnell mit allen per Du. Segen oder Fluch? Ein bisschen von beidem.

Welch eine Idylle! Die Sonne scheint. Der See glitzert zwischen den grünen Zweigen des Buchenmischwaldes hindurch. Sanft streicht der Wind durch die hohen alten Bäume. Ich habe es mir im Liegestuhl auf der Terrasse vor unserem Ferienbungalow mit einem Buch bequem gemacht und genieße die Ruhe. Ab und zu gellt ein Vogelschrei durch den Wald. Sonst ist nichts zu hören. Fast nichts.

Nur leise vernehme ich das Stimmchen des Sohnes. In einem ganz ruhigen Erzählton unterhält er sich mit den Leuten aus dem nächsten bewohnten Ferienhäuschen. Ich verstehe nicht, was er sagt. Doch mir fällt eine Unterhaltung mit einem Mädchen ein, die sich ereignete, als der Sohn gerade erst Laufen gelernt hatte. Das Mädchen war ungefähr so alt wie der Sohn jetzt: „Fünfeinhalb“. Nach weniger als fünfeinhalb Minuten wusste ich, wie es heißt (Vor- und Zuname), wo die Familie wohnt (exakte Adresse mit Straße, Hausnummer und Stockwerk), wie alle anderen Familienmitglieder heißen und wie alt sie sind, wie lange sie schon am Urlaubsort sind, wo sie hier wohnen und dass sie immer im gleichen Restaurant essen gehen und die Kinder dort auch immer das Gleiche essen. Das alles habe ich erfahren, ohne dass ich auch nur eine einzige Frage gestellt hätte.

Ich lege mein Buch zur Seite und rufe den Sohn. Doch er kommt nicht. Unterhält sich seelenruhig weiter. Ich rufe nochmals, höre, wie die Nachbarn ihn schicken. „Was ist denn?“ fragt der Sohn genervt, als er endlich langsamst zu mir geschlendert ist. „Bleibst du mal bitte hier. Wir können ja was spielen“, schlage ich vor. „Ich will aber wieder zu denen“, sagt der Sohn. „Vielleicht wollen die aber auch mal ihre Ruhe haben?“ „Nein, die haben gesagt, dass ich wiederkommen darf.“ Und schon ist er wieder auf dem Weg zu dem Nachbarferienhaus. Seufzend stehe ich auf und gehe hinterher. Was die Urlaubsnachbarn wohl schon alles über uns wissen?

Urlaubsbegegnungen-Feriendorf mit Kindern

Sie stellen sich als Friedhelm und Maria* vor. Nein, der Sohn stört überhaupt nicht. Im Gegenteil. Und ob wir nicht abends zum Grillen kommen möchten. „Jaaa!“, schreit der Sohn, bevor die Mama überhaupt etwas sagen kann. „Na, warum nicht. Wir bringen Kartoffelsalat mit“, höre ich mich schließlich sagen. Still verfluche mich im selben Moment dafür. Weshalb habe ich nicht irgendeinen Ausflug vorgeschützt?! Wir verbringen also den Abend mit Smalltalk bei Gegrilltem mit zwei Menschen, die wir wahrscheinlich nie wieder sehen werden. Eigentlich wollte ich gemütlich lesen, wenn der Sohn im Bett ist. Doch er bleibt so lange wach, dass ich schließlich mit ihm einschlafe.

Am nächsten Tag sitze ich wieder mit dem Buch im Liegestuhl. Da sehe ich den Sohn mit anderen Kindern herumflitzen. Eine richtige kleine Orgelpfeifenbande tobt da durch den Wald. Fünf Mädchen und Jungs spielen Bergrettung – mit lauter Sirene natürlich. Waldesruhe ade! Friedhelm und Maria haben keine kleinen Kinder dabei. Also hat der Sohn wohl neue Freundschaften geschlossen. Gut, dass er sich damit so leicht tut. Ich lehne mich mit meinem Buch wieder im Liegestuhl zurück.

Familienurlaub im Feriendorf mit Spielplatz am See

Wenig später steht eine dicke Mama vor mir. „Hallo. Ich bin Helga. Unsere Kinder spielen gerade so schön miteinander. Wollen Sie nicht auf einen Kaffee zu uns hinüberkommen? Dann lernen wir uns auch kennen.“ – „Klar, gerne“, höre ich mich sagen und verfluche mich wenig später wieder dafür. Das wars dann mit dem Lesen für heute. Der Nachmittag vergeht mit Mütter-Smalltalk im Nu. „Wir wollen nachher Stockbrot am Feuer machen. Da seid ihr doch sicher dabei, oder?“ fragt Helga*. „Stockbrot! Stockbrot! Stockbrot!“, skandieren die Kinder gemeinsam, der Sohn lauthals dabei. Was soll ich da noch sagen? Also wieder ein Abend ohne Buch und dafür mit Smalltalk mit Menschen, die ich wahrscheinlich nach diesem Urlaub nie wieder sehe. Die Familie der anderen Orgelpfeifen ist auch dabei. Der Müttersmalltalk geht weiter, bis ich wieder mit dem völlig überdrehten Sohn einschlafe – oder sogar vor ihm?

Dafür ist der Sohn am nächsten Morgen nach dem Frühstück sofort mit der Orgelpfeifenbande verschwunden. Ich sehe ihn lange Zeit nur aus der Ferne, wenn ich mein Buch senke und den Liegestuhl aufrichte. Nach gefühlt mehreren Stunden steht die Orgelpfeifenbande vor mir: „Mama, wir haben Durst!“, sagt der Sohn. Ich freue mich, dass ich die ganze Bande mit Apfelschorle verwöhnen kann. Kaum sind die Gläser leer, sind die Kinder wieder weg. In diesem Moment bin ich sicher: Kinder brauchen zum Spielen vor allem eines: andere Kinder. Die hat der Sohn schnell gefunden. Dafür ist ein bisschen Smalltalk kein zu hoher Preis. Und dann lehne ich mich glücklich wieder im Liegestuhl zurück mit meinem Buch in der Hand.

Kind spielt am See im Familienurlaub

*Diese Geschichte ist mein Beitrag zur Blogparade über Reisebegegnungen von Heldenwetter. Sie hat sich tatsächlich so zugetragen. Die handelnden Personen haben hier jedoch Fantasienamen. Viele Urlaubsbekanntschaften möchte ich nicht missen. Meist merke ich recht schnell, was aus einem Kontakt wird. Im Feriendorf war sehr schnell klar, dass die Wellenlänge einfach gar nicht passt. In diesem Fall ziehe ich ein gutes Buch vor.

Doch viele Reisefreunde haben mir unterwegs mit Kind geholfen, wie etwa Christian, ohne den ich das Gepäck bei meiner Kuba-Reise mit dem knapp zweijährigen Sohn sicher nicht aus dem Flieger gekriegt hätte, oder wie Yvonne, die mir in den USA zu einem funktionierenden Handy verhalf, oder die Schweizer Familie und das deutsche Ehepaar, die anpackten, um das Wohnmobil aus dem Wüstensand zu kriegen. Andere haben mir einfach sehr nette Gesellschaft geleistet, ohne dass wir Adressen ausgetauscht und uns wiedergesehen hätten. So habe ich lieb gewonnene Erinnerungen an mehrere Familien auf unserer Kreuzfahrt durch Südostasien. Unvergesslich ist unter anderem der Moment, als der Sohn bei einem Ausflug auf dem Schoß einer fast fremden anderen Mama einschlief. Einige wenige Urlaubsbekanntschaften sind Freunde geworden. Ich sehe sie zwar nicht oft, aber auch nach Jahren freue ich mich noch über unsere Wiedersehen. Ihr wisst, wer gemeint ist :-).

7 Kommentare

  1. Ohje, ich habe mit Dir gelitten. Reisefreunde sind natürlich super. Aber nur wenn sie zu einem passen und selbsterwählt sind. Nur weil sich die kids angefreundet haben, muss man die Eltern noch lange nicht toll finden. Das ist ja im Alltag eigentlich genauso. Die Schul- und Kita-Freunde meiner Jungs haben nette Eltern, aber auch Naja-Eltern, mit denen man nicht unbedingt mehr zu tuen haben möchte. Im Urlaub mit Friedhelm und Maria meine Zeit zu verplempern wäre mir auch mein Graus. Ist uns aber zum Glück noch nie passiert. LG/ Nadine

    • Liebe Nadine,
      da sprichst du mir aus der Seele. Tatsächlich habe ich dem Sohn auch sehr viele supernette und total interessante Begegnungen zu verdanken, aber manchmal passts einfach gar nicht.
      Liebe Grüße
      Gela

  2. Ohje, das klingt ganz schön anstrengend 😀 Schade, dass du deinen Urlaub nicht immer genießen konntest wie geplant. Andererseits stelle ich mir Kinder sehr „praktisch“ für auch schöne Reisebegegnungen vor. Sie haben meist weniger Hemmungen und gleichzeitig hat man als Erwachsene immer ein Gesprächsthema. Vielen Dank für die Teilnahme an meiner Blogparade – ich finds spannend, auch einen Text zu etwas unglücklichen Reisebegegnungen dabei zu haben 🙂

    • Liebe Ariane,
      naja, es war nicht wirklich anstrengend, nur ein bisschen nervig. Aber das kommt eben auch vor. Tatsächlich war es aber viel leichter, diese weniger erfreulichen Begegnungen auszuwählen, als aus der Fülle der tollen Begegnungen, die ich meinem Sohn zu verdanken habe, einige für deine schöne Blogparade auszusuchen.
      Liebe Grüße
      Gela

  3. Pingback: Eure Reisebegegnungen: Zusammenfassung meiner Blogparade - heldenwetter

  4. hihi kommt mir bekannt vor. Aber ich erinnere mich an Urlaube mit meinen Eltern, da waren wir doch genau so. Immer mit den neuen Bekanntschaften vom Strand unterwegs, auch wenn die Eltern meinten, dass wir denen auch mal ihre Ruhe lassen sollen. Dann werden Adressen ausgetauscht und man sieht sich dann doch nie wieder… In jeder Generation das gleiche.

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