Schlösser und Burgen auf der Börde

Schon mal von der Magdeburger Börde gehört? Sie liegt mitten in Deutschland, im Westen des Ostens und wimmelt von Schlössern und Burgen in unfassbar stillen Landschaften. Ein Herbstausflug dorthin lohnt besonders am ersten Wochenende im Oktober. Dann feiert die Börde Herbstmarkt auf Schloss Hundisburg. Eine Reisereportage.

Fahl stiehlt sich die Herbstsonne durch den Morgennebel. In diesem unwirklichen Licht wirkt der Barockgarten von Schloss Hundisburg wie der Schauplatz eines Edgar-Wallace-Krimis. Ich pfeife im Kopf schon Reinhard Mays Liedchen „Der Mörder ist immer der Gärtner“ und warte beinahe darauf, dass gleich eine Meute Jagdhunde durch das Burgtor prescht, gefolgt von Halahi und Reitern hoch zu Ross….

Doch die Menschenmenge bewegt sich in die andere Richtung. Ganze Massen sind unterwegs zum Markttag. Sie strömen zu Fuß durch den Torbogen in den gepflasterten Schlosshof – oder Burghof?

Burg oder Schloss? Schloss Hundisburg ist beides

Burg oder Schloss? Das ist nicht leicht zu entscheiden. Schon seit der Abfahrt in Berlin vor knapp zwei Stunden streiten wir darüber, ob wir nun in einer Burg oder in einem Schloss übernachten werden. Vor Ort zeigt sich: Schloss Hundisburg bei Haldensleben in Sachsen-Anhalt ist beides.

Nicht nur der Bergfried zeugt davon. Die Burg aus dem 12. Jahrhundert wurde erst zum Renaissanceschloss und im 17. Jahrhundert zum Barockschloss umgebaut. Anfang des 18. Jahrhunderts entstand der barocke Garten. 50 Jahre später folgte nach damaliger Mode ein englischer Landschaftspark. 1945 wurde fast alles zerstört und erst nach der Wende wieder aufgebaut. Bedeutung hat das Schloss heute nicht nur wegen des besonderen Braunschweiger Barockstils, sondern vor allem wegen seiner mehrfach preisgekrönten Garten- und Parkanlagen. Der 100 Hektar große Park ist als Kulturdenkmal geschützt.

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Übernachten im Schloß und auf der Burg

Die ganze Geschichte des Schlosses könnte Heike Weinberger aus dem Schlossladen von Hundisburg erzählen. Doch an diesem Samstagmorgen hat die zierliche Mittvierzigerin, die im Ort lebt, kaum Zeit. Denn in den Schlossladen drängen Besucher und Händler des herbstlichen Obstmarktes. Einige holen wie wir die Schlüssel zur einfachen Schlossherberge oder zum Gästehaus mit komfortablen Hotelzimmern ab. Andere suchen nach Informationen über das Schloss und die umliegende Magdeburger Börde. Unzählige strömen am Laden vorbei direkt auf den Markt, auf dem Händler aus der Region Obst, Gemüse, Blumen, Selbstgemachtes und Spezialitätenimbisse anbieten.

Die Markttage hauchen dem Schloss jenseits regelmäßiger kleinerer Kulturveranstaltungen dreimal im Jahr reges Leben ein. Es gibt sie im Herbst, im Advent und im Frühjahr. Dann drängt das rege Treiben auf dem Burghof die ringförmig angeordneten Gebäude in den Hintergrund.

Craftbeer-Brauen in der Schlossbrauerei

Auch die Schlossbrauerei hat geöffnet. Im kleinen Brauhaus beißt ein Geruch nach Vergorenem in der Nase. Zwischen dem gemauerten Ofen und zwei Gärbehältern erklären historisch gekleidete Braumeister ihr Handwerk. Die 250 Jahre alte Tradition auf Schloss Hundisburg lebt seit 2011 wieder auf. Die Braumeister bieten ihre Craft Biere nicht nur zum Verkauf an. Sie laden bei speziellen Gelegenheiten auch zum Mit-Brauen ein. Doch die Termine sind meist weit im Voraus ausgebucht.

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Heike Weinberger kommt auch am Sonntagmorgen nicht dazu, uns viel über das Schloss zu erzählen. Einiges haben wir inzwischen selbst entdeckt, darunter Kleinode der Buchdruckerkunst. Denn die historischen Schlossräume beherbergen in einer Zweigstelle der Universitäts- und Landesbibliothek von Sachsen-Anhalt unter anderem die Alvenslebensche Familienbibliothek. Die 6000 Bände umfassenden Bestände reichen bis in die Reformationszeit zurück.

Ebenfalls im Schloss untergebracht ist das Haus des Waldes. In der relativ waldarmen Magdeburger Börde schließt es mit seiner großen Walderlebnisausstellung beinahe eine regionale Wissenslücke. Der Ort ist gut gewählt, denn ausgerechnet in der Umgebung von Haldensleben finden sich einige Waldgebiete. Im Norden der sonnenreichen Region erstrecken sich die Kiefernwälder der Colbitz-Letzlinger Heide, die als das größte unbewohnte Gebiet Deutschlands gilt. Richtung Westen prägen Laubwälder den Flechtinger Höhenzug.

Wasserburg? Wasserschloss!

Bevor wir Hundisburg verlassen, gibt uns Heike Weinberger eines mit auf den Weg: „Sachsen-Anhalt ist das Bundesland mit den meisten Schlössern.“ Wir sind geneigt ihr ungeprüft zu glauben. Denn in nächster Nähe haben wir die Wahl zwischen der Veltheimsburg Bebertal und dem Wasserschloss Flechtingen. Schloss? Oder Burg? In Flechtingen stehen wir erneut vor dieser Frage und wieder lässt sie sich nicht eindeutig beantworten. Diesmal sind sogar die Nachschlagewerke uneins. Die Burg ist im 13. Jahrhundert auf einem Porphyrfelsen mitten im Sumpf errichtet worden und bis heute von Wasser umgeben. Zu ihrem aktuellen Erscheinungsbild haben jedoch fast alle Jahrhunderte etwas beigetragen. Pallas und Wirtschaftsburg stammen aus dem 14. Jahrhundert, im 15. Jahrhundert wurde der Südflügel erweitert und ein Stockwerk aufgesetzt. Das 16. Jahrhundert brachte einen Querflügel, das 17. Jahrhundert steuerte die Remisen bei. Der westlich angrenzende Landschaftspark ist noch späteren Datums. Eingehegt wurden dort auch uralte Eichen als stumme Zeugen einer langen Geschichte, deren Details man im Kurhaus Flechtingen nachlesen kann.

Wir nutzen den sonnigen Herbsttag lieber für einen Spaziergang durch den Park und nehmen dabei das Wasserschloss aus allen Perspektiven in Augenschein. Schloss oder Burg? Bei der Umrundung des Schloss-Sees ändern wir unsere Meinung je nach Blickwinkel. Nur die Innenansicht ist nicht möglich. Denn das Wasserschloss war zur Zeit unseres Besuchs nur für Veranstaltungen in Teilen zugänglich.

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Dafür steht gegenüber dem Torbogen zum Wasserschloss die Patronatskirche offen. Mit ihrem Tonnengewölbe erinnert sie an ein auf dem Kopf stehendes Schiff. Wasser bleibt auch in der Schlossmühle eine Ecke weiter das beherrschende Element. Wir lauschen dem rhythmischen Klappern des sechs Meter hohen Wassermühlenrades.

Canyons im Westen des Ostens

Am Nachmittag genießen wir die Stille in der Herbstlandschaft des Flechtinger Höhenzugs. Das Gebiet zwischen Flechtingen und Hundisburg ist mit nicht einmal 180 Höhenmetern als Gebirge zwar selbst für Flachlandtiroler nur mäßig interessant. Doch Geologen kennen den Flechtinger Höhenzug als nördlichstes Festgesteinvorkommen in Deutschland. Senkrecht abfallende Felswände schimmern mal grau, mal braun bis orange. Die Einheimischen haben sie Canyons genannt. Quarzporphyr und Grauwacker wird aus den Steinbrüchen hier gewonnen. Auf unserem Spazierweg durch eine stille Wald- und Felslandschaft bei Süplingen finden wir immer wieder glatte, milchig durchscheinende Steine.

Die meisten Steinbrüche wurden nach der Wende aufgegeben. In den Gruben entstanden Seen, die heute Taucher anziehen. Begeistert berichtet ein Taucherpärchen nach seinem zweiten Tauchgang von einem Bauwagenwrack und anderen unter Wasser konservierten Resten der DDR-Industriegeschichte. Diese Entdeckungen stellen den Riesen-Stöhr in den Schatten, dem sie beim ersten Tauchgang begegnet sind.

Wir genießen indes oben an der Abbruchkante windgeschützt von Birken und Buchen ein Picknick in der Herbstsonne. Kein Auto- oder Motorengeräusch ist zu hören, nur gelegentlich der Schrei eines Falken – so still ist es um uns herum, dass wir uns um Jahrhunderte zurückversetzt fühlen. Wir scherzen: Hoffentlich bricht nicht gleich eine Meute Jagdhunde durch das Gehölz.

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Weitere Informationen zur Magdeburger Börse mit Kind

Für die Übernachtung in der einfachen Schlossherberge von Schloss Hundisburg haben wir 20 Euro pro Nacht bezahlt. An Markttagen unbedingt vorher anmelden! Auf der Homepage stehen auch die Markttage: www.schloss-hundisburg.de

Mehr Informationen über das Flechtinger Wasserschloss, den dazugehörigen Landschaftspark, die Schiffs-Kirche und die Wassermühle: www.luftkurortflechtingen.de

Den namenlosen Steinbruchsee haben wir mit Google Maps gefunden. Eigentlich wollten wir zu einem Canyon, der aber nur über den Campingplatz in Süplingen erreichbar ist. Dort wurden wir jedoch leider nicht nur unfreundlich empfangen, sondern schlicht abgewiesen. Offensichtlich wollten die Campingwirte und ihre Dauergäste ihre Herbstruhe nicht durch Kinder gestört wissen. Also sind wir in der Umgebung umherspaziert und Google Maps zum nächsten blauen Punkt gefolgt. Das hat sich gelohnt 🙂

 

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