Langzeitreisen als Single mit Kind – was geht alles?

Langzeitreisen allein mit Kind

Langzeitreisen gehören für Paare in der Elternzeit inzwischen fast zum guten Ton. Für Alleinerziehende sind sie immer noch ungewöhnlich. Doch das ändert sich. Immer mehr Mamas und Papas gehen auch als Single mit Kind auf Weltreise. Erfahrungen und Tipps dazu lieferte Mitte April der FamilienreiseKongress.

Vier Monate mit einem Fünfjährigen auf die Panamericana? Du spinnst! Du bist verrückt! Das ist unverantwortlich! Oder – auf die vermeintlich freundschaftliche Art: Hast du dir das gut überlegt? Solche und ähnliche Kommentare habe ich vor meiner Langzeitreise als Singlemama mit Kind reichlich zu hören bekommen. Manche sagten auch „Mutig!“ und nur ganz wenige fanden es einfach „Toll!“ Das zeigt eines: Gesamtgesellschaftlich betrachtet ist Alleinreisen mit Kindern immer noch nicht normal. Im öffentlichen Bewusstsein gilt es nach wie vor als wagemutig, wenn nicht fahrlässig, allein mit Kind auf Fernreisen zu gehen, und das noch dazu für längere Zeit.

Doch es gibt immer mehr Singleeltern, die sich mit ihren Kindern aufmachen, die Welt zu entdecken. Dass ich mich dabei immer auf der ziemlich sicheren Seite bewegt habe, hat mir jetzt der FamilienreiseKongress (http://www.familienreise-kongress.de) klar gemacht. Für den Online-Kongress hat Mareen Wendt von Familie auf Kurs (http://www.familieaufkurs.de) rund 30 Menschen interviewt, die mit Reisen mit Kindern zu tun haben. Neben vielen Paaren und Reiseveranstaltern oder –vermittlern haben auch zwei Frauen über ihre Reisen allein mit Kind berichtet. Was – das erfahrt ihr in groben Auszügen hier.

Allein mit Handgepäck und Kind auf Weltreise

Janina Breitling steht eine Weltreise mit ihrem Sohn Maxi noch bevor. Doch der Junge im Vorschulalter ist dennoch schon weit gereist. Mit fünf Monaten hat er den ersten Langstreckenflug nach Curacao mit seiner Mutter unternommen. Janinas Erfahrung: „Du bist auf Reisen nie allein. Wir haben immer Leute kennengelernt.“

Janina reist – auch mit Kind – grundsätzlich nur mit Handgepäck. Das hat sie auch bei ihrer bevorstehenden Weltreise mit Kind vor. Trotzdem sagt sie: „Es gibt Reisen, die kann man mit Kind machen und welche, die kann man nicht mit Kind machen.“ In die zweite Schublade steckt sie zum Beispiel eine Mount Everest Expedition.

Die Münchner Journalistin achtet bei ihren Reisen allein mit Kind unter anderem darauf, dass die medizinische Versorgung am Reiseziel passt und ein Krankenhaus nicht erst per Flug erreichbar ist. Zudem meidet sie Hochrisikomalariagebiete. Sie legt Wert auf angenehme Flugzeiten ohne lange Zwischenstopps und guten Service im Flugzeug. Abgesehen davon, sieht sie nicht viele Unterschiede zum Reisen ohne Kind. „Man reist langsamer, aber das ist kein Nachteil“, sagt sie.

Auch mit der Vorausplanung ist sie zurückhaltend. „Man kann alles komplett von Deutschland aus organisieren, wenn man sich besser fühlt, aber man kann auch einfach losfliegen“, sagt sie. Für ihre bevorstehende Weltreise hat die Journalistin den ersten Flug nach Bali und die erste Unterkunft dort gebucht – mehr nicht. Geplant sind vier Monate in Bali, danach Australien, Neuseeland, Tahiti, San Francisco, Costa Rica, Südamerika und am Ende Südafrika. Die privaten Vorbereitungen für ihre Langzeitreise findet sie übersichtlich. Ihre Wohnung in München wird sie untervermieten.

Janinas ultimativer Tipp: „Entspannt bleiben! Dann sind die Kinder auch entspannt. Angst und Stress projizieren sich auch auf die Kinder.“ Janina hat auch einige Argumente gegen die Totschlagfloskeln der Kritiker: „Es ist doch schon alles erprobt. Hilfreich ist es, sich den Worst Case auszumalen: Was kann denn passieren? Was machen wir denn, wenn wir das Flugzeug verpassen? Dann fahren wir nach Hause und nehmen das nächste. Natürlich kann man unterwegs krank werden oder einen Unfall haben. Wenns ganz schlimm kommt, muss man halt nach Hause fahren. Es ist eine aufregende Sache zu verreisen, aber es ist alles machbar und es ist mit Genuss machbar.“

Allein mit Rucksack und Kind durch Süd- und Mittelamerika

Den Beweis für diese Aussage hat die Österreicherin Claudia Lattner bereits erbracht. Die 30-Jährige ist mit ihrer damals vierjährigen Tochter 2012 mit dem Rucksack durch Süd- und Mittelamerika gereist. Sie war in Ecuador, Kolumbien und Panama – also ungefähr da, wo wir auch waren, aber völlig anders als wir, nämlich durchgehend Backpacking und Lowest Budget.

Weil ihr selbst Hostels auf die Dauer zu teuer waren, hat Claudia Unterkünfte über Couchsurfing und Wwoofing (Landwirtschaftsmithilfe gegen Kost und Logis) gesucht. „So haben wir Kosten reduziert und kamen besser in Kontakt mit den Einheimischen“, sagt sie.

Claudia ging in den Dschungel Ecuadors, der als Malaria-Hochrisikogebiet für mich mit Kind tabu war. Claudia ging mit Frachtschiffen von Kolumbien nach Panama – auf dieser Route kreuzen die scherzhaft „Weiße Flotte“ genannten Kokainschmugglerschiffe. Deshalb war das für mich auch tabu. Für den Rückweg wählte Claudia den Inlandsweg durch den gefürchteten Dschungel Darien – Malariahochrisikogebiet und zudem bekannt dafür, dass dort immer wieder Menschen verschwinden – und weiter über die unsichere Grenze zwischen den beiden Ländern, an der es immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommt. Immerhin davon würde sie anderen abraten.

Ich selbst weiß nicht so genau, ob ich den Hut vor Claudia ziehen oder selbst „Unverantwortlich!“ rufen soll. Wie auch immer: Sie selbst hatte keine Angst dabei, und das ist für sie das Entscheidende. „Für mich war es nicht mutig. Ich bin einfach meinem Herzen gefolgt. Ich musste es machen. Es ging nicht anders, weil ich dafür gebrannt habe“, sagt sie und sie rät allen, auf Reisen nur so weit zu gehen, wie sie ohne Angst kommen, zu überlegen, wie sie reisen wollen und sich Leute zu suchen, die schon so gereist sind.

Weitere Erfahrungen mit Langzeitreisen mit Kindern, auch allein

Auch wenn ich persönlich sehr viel sicherheitsorientierter bin, und es eher wie Janina halte, was Gesundheitsrisiken für das Kind betrifft, kann ich Claudias Ratschläge voll und ganz unterschreiben. Auf Reisen überschreiten wir viele – innere wie äußere – Grenzen. Aber das sollte angstfrei und freudig geschehen. Wer sich sicher fühlt, ist auch sicherer, als jemand der mit Angst in sein Reiseabenteuer startet. Sorgen, Gedanken, Was-Wenn-Spiele gehören vor einer großen Reise dazu, und dafür muss sich keiner schämen. Hilfreich sind dann die Erfahrungen anderer.

Ich selbst habe vor unserer Langzeitreise auch andere Mamas als Vorbilder gesucht, die schon allein mit Kind Fernreisen oder sogar Langzeitreisen unternommen hatten. Einen Fundus an Erfahrungen hat Frauke Manninga von Reiß Aus Family zusammengetragen. Die Berichte sind auf der Homepage des Spezial-Reisebüros für Langzeitreisen mit Kindern zu finden: http://aroundtheworldticket.de/family/erfahrungsberichte/.

Aktuell berichtet dort eine Mutter, die drei Monate lang mit ihrem zehnjährigen Sohn in USA, Australien und Indonesien unterwegs war: „Was ich überhaupt kein Problem fand, war, alleine mit meinem Kind unterwegs zu sein. Es gibt nicht so viele Zwänge, um die man sich streiten muss, wenn der Alltag nicht da ist. Das Lebensgefühl für beide war ein leichteres.“

Spezielle Tipps für Langzeitreisen als Single mit Kind

  • Überlegt euch gut, was ihr euch zutraut und wie ihr reisen wollt. Lowest Budget Backpacking mit Kind ist nicht jedermanns Sache, und keiner ist uncool, weil er zwischendurch auch gern mal in einem guten Hotel übernachtet, wenn es das Budget hergibt.
  • Lasst euch nicht entmutigen, steht zu euren Plänen. Der kritischen Oma erzählt ihr einfach von Claudias Reise, dann wird sie sehr froh über das sein, was ihr vorhabt.
  • Geht kreativ mit euren Ängsten um: Malt euch aus, was passiert, wenn … – Mit Sicherheit wird euch eine Lösung einfallen, und dann seid ihr auf den schlimmsten Fall vorbereitet.
  • Sucht euch Vorbilder: Andere Frauen (oder Männer), die allein mit ihren Kindern verreist sind, aber auch Familien, die bestimmte Länder bereist haben, die auf eurer Route liegen, haben mit Sicherheit hilfreiche Tipps. Im Idealfall beantworten sie euch sogar eure „Was passiert, wenn ….“-Fragen – das tue ich im übrigen auch.
  • Last but not least: Die Einstellung entscheidet mit über das Gelingen: Freude statt Angst, Gelassenheit statt Stress. Das klappt nicht immer, aber wenigstens sollten die positiven Gefühle deutlich überwiegen. Jeder Weg, den ihr mit Freude geht, ist ein guter Weg.

Habt ihr auch schon Erfahrungen mit Langzeitreisen allein mit Kind? Dann freue ich mich über eure Tipps und Erfahrungen. Wollt ihr etwas zum Thema wissen? Fragt mich/uns!

Nachtrag 4.5.: Im Nachgang zu diesem Beitrag hatte ich heute mit Claudia Lattner auf Facebook eine kurze Unterhaltung. Sie stellte klar, dass sie vom Darien aus über den Pazifik zurück nach Kolumbien gereist ist, und dass nicht alle Regionen im ecuadorianischen Dschungel Malaria-Hochrisikogebiete sind. Wo Claudia sich aufgehalten hat, in den höhergelegenen Regionen, ist das Malaria-Risiko nicht so groß.

7 Kommentare

  1. Danke für den tollen Artikel! Wir waren bisher erst in Deutschland, den Niederlanden, England, Schottland und Frankreich unterwegs, aber ich träume auch von einer Langzeit- bzw. Fernreise!
    Selbst wenn wir nur eine Woche unterwegs waren, haben viele kritisch reagiert. Ich bin sicher, dass neben der Angst vielleicht auch einfach Neid im Spiel ist. Leider!
    Ich finde Deine Art zu Reisen, nämlich mit einer guten Portion Vernunft, übrigens genau richtig.
    Liebe Grüße, Tina

    • Liebe Tina,
      danke für deine Einschätzung. Ich kann mir auch vorstellen, dass Angst und Neid bei den Kritikern oft Hand in Hand gehen. Bei mir selbst merke ich, dass ich schon um einiges sicherheitsbedachter bin, seit ich mit Kind reise. Malariagebiete habe ich allerdings auch schon vorher gemieden. Andauernd aufpassen zu müssen, dass ich oder der Sohn nicht gestochen werden, ist für mich ein Stressfaktor. Und Stress kann ich im Urlaub gar nicht brauchen.
      Ich wünsche dir, dass es klappt mit der Langzeitreise. Claudias Beispiel zeigt ja sehr schön, dass es auch mit wenig Geld geht. Dann wechselt man halt nicht alle drei Nächte die Unterkunft. Das kann auch zur Entspannung beitragen.
      Liebe Grüße
      Gela

      • Danke! Ja, ich war in der Schwangerschaft mal ausversehen in einem Malariagebiet. Auf Bali ist ja kein wirkliches Risiko, aber auf den Inseln, wie ich dann später erst im Reiseführer einer Freundin gelesen habe… Hatte ein paar Pflegerische und die ganze Zeit Angst, dass ich Malaria bekomme und dem Wurm dann was passiert. Das würde ich nicht wiederholen!

  2. christin

    hallo

    ich komme gerade von knapp 5monaten indien allein mit einjähriger tochter zurück….würde es wieder machen….teile gern meine erfahrungen…..super artikel

    • Hallo Christin,
      das klingt total spannend, und ich will unbedingt mehr wissen! Freue mich sehr auf deine Erfahrungen – Danke für dein Lob.
      Liebe Grüße
      Angela

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.