Engel auf Reisen – eine Weihnachtsgeschichte vom Roadtrip mit Kind durch die USA

Glaubt ihr an Schutzengel? In eines der größten Abenteuer unserer Weltreise sind Mama und Sohn von unterwegsmitkind beim Roadtrip mit dem Wohnmobil durch die USA in der Mojave-Wüste hineingeraten – im wahrsten Wortsinn. Herausgeholt hat uns ein Abgesandter unseres Schutzengels – oder war er es persönlich? Weihnachten steht vor der Tür. Hier kommt:

Eine wahre Geschichte von selbstloser Nächstenliebe auf Reisen

Wenn der Sohn (5) gefragt wird, was sein schönstes Erlebnis auf unserer Weltreise war, lautet eine von zwei möglichen Antworten: „Als wir in der Wüste versandet sind.“ Ich fand das eher  krass als schön.

Auf einem freien Wohnmobil-Stellplatz in der Mojave-Wüste südwestlich von Las Vegas habe ich das Wohnmobil in den Sand gesetzt, und zwar so, dass es nicht mehr herauskam. Wir saßen bis zur Hinterachse auf. Als ich zu buddeln begann, bekam ich einen Schreck nach dem anderen. Sogar im Auspuff steckte schon Sand. Der Abwassertank war komplett in Sand gebettet. Panik! Auf dem einsamen Stellplatz an den Kelso Dunes standen vier Wohnmobile und –wägen in Sichtweite. Doch nirgends war ein Mensch.

Dann kommt eine Schweizer Familie, Mama, Papa und zwei Mädels um die zehn Jahre. Zusammen buddeln wir mit den Händen weiter. Der Schweizer Papa berichtet, dass die Wohnmobil-Verleiher absichtlich keine Fußmatten stellen, geschweige denn Wagenheber oder Abschleppseil, damit man sofort die Road-Assistance anrufen muss, wenn man ein Problem hat.

Ein Problem haben wir. Aber die Road-Assistance käme ziemlich teuer – wenn sie denn überhaupt heute noch in diesen abgelegenen Winkel kommen würde. Das aber ist nötig, denn der Wagen hängt extrem schief nach rechts hinten. Der Kühlschrank hat sich deshalb schon ausgeschaltet – bei rund 25 Grad Außentemperatur – und Schlafen würde auf dieser schiefen Ebene auch nicht gelingen.

Die Schweizer geben uns ihr Feuerholz zum Unterlegen, als wir gemeinsam die beiden Hinterreifen halbwegs frei gebuddelt haben. Es sieht ganz gut aus. Doch als ich nochmal versuche , aus dem Sandloch heraus zu kommen, geht es nur noch tiefer hinein.

Kelso Dunes Mojeve USA

Mit dem Wohnmobil versandet in der Mojave-Wüste

Meine Arme sind vom bloßen Buddeln im Sand inzwischen total zerkratzt. Der Sohn flitzt aufgeregt herum, überlegt wie er helfen kann und macht die tollsten Vorschläge. Die beiden Schweizer Mädels unterhält er damit ziemlich gut, während ich mir den Kopf zerbreche, wie es jetzt weitergeht.

Dann kommt ein älteres Ehepaar – deutsche Snowbirds, die jeden Winter im warmen Südwesten der USA verbringen, wie sich bald herausstellt. Der Mann hat Ahnung, einen Spaten und einen Wagenheber. So kriegen wir schließlich ein glattes Stück Holz direkt unter den tiefsten Reifen.

Doch auch das hilft nichts. Das Sandloch ist schon zu tief, als dass das Wohnmobil aus eigener Kraft herauskäme. Ein Abschleppseil haben die Snowbirds leider nicht. Ratlos stehen drei Kinder und fünf Erwachsene um das schiefliegende Wohnmobil herum. Ein drittes, wieder deutschsprachiges Paar kommt und sieht, dass es nicht helfen kann.

Kelso Dunes Mojave USA vonoben

Unverhoffte Pannenhilfe mitten in der Wüste

Knapp anderthalb Stunden sind inzwischen vergangen. Meine Knie zittern. Kurz vor Sonnenuntergang fährt ein 4×4 Pickup über den Stellplatz. Er dreht eine Runde und will schon weiter. Doch er ist wohl unsere letzte Hoffnung. Also halte ich den Wagen an. Drin sitzt ein Typ mit Vokuhila-Frisur und markanten Gesichtszügen. Er sieht ein bisschen aus wie ein wettergegerbter Rod Stewart Verschnitt. Aufgeregt radebreche ich die bange Frage: „Excuse me, please, do you have a rope?“ Er sieht sich die Situation an und nickt. Er hat ein Abschleppseil! „At your own risk“, sagt er an.

Nie vorher und nie nachher habe ich mich so bereitwillig von einem Fremden abschleppen lassen. Ich nehme nach seiner Anweisung den Gang raus. Doch nichts geht. Also muss der Gang rein. Ich muss Gas geben, aber nicht zuviel, damit die Reifen nicht wieder durchdrehen oder ich dem Abschlepper drauffahre. Es klappt! „Juhuu!“, schreie ich aus vollem Herzen, als das Wohnmobil wieder festen Boden unter seinen vier Rädern hat und falle dem rettenden Engel um den Hals. Der nimmt die Umarmung als Dank und verschwindet im Nichts wie er gekommen war.

Auch der Sohn macht ein Freudentänzchen und umarmt die Schweizer Mädels, eins nach dem anderen. Mit denen grillen wir später noch Marshmellows am Lagerfeuer. Als wir sehr spät schlafen gehen, fragt er plötzlich – immer noch ganz aufgeregt: „Mama, warum hast du das nicht fotografiert?! Das glaubt uns sonst kein Mensch!“ Genau dasselbe denke ich in diesem Moment. Die Wahrheit ist: Ich habe das Fotografieren schlicht vergessen.

Kelso Mojave 4x4

Osterhase statt Weihnachtsmann auf dem Roadtrip mit Kind durch die USA

Am nächsten Tag stellt sich heraus: Weil ich das erste Wohnmobil umfahren hatte, habe ich ein Schild übersehen. Darauf steht „Please use 4-Wheel Drive“. Wir hatten Riesenglück und einen fleißigen Schutzengel. Abwassertank und Auspuff sind heilgeblieben, und der Kühlschrank funktionierte auch wieder. Außer einem dicken Muskelkater, aufgeschürften Knien, zerkratzten Armen und abgebrochenen Fingernägeln blieb keine Spur.

Doch diese Weihnachtsgeschichte ist eigentlich eine Ostergeschichte. Denn das Abenteuer passierte am Karsamstag. Klar also, dass wir am Ostersonntag Omi zuhause anrufen. Vorher schwöre ich den Sohn darauf ein, dass er ihr besser nichts von unserem aufregenden Erlebnis erzählt, weil sie sich sonst nur Sorgen macht. Kaum hat er das Handy, legt er auch schon voller Begeisterung los: „Omi, weißt du was wir gestern erlebt haben…“ Die schimpft nur mit mir: „Reicht’s dir jetzt endlich mit deinen Abenteuern?“

Wir können auch anders. Wenn man den Sohn nach seinem schönsten Erlebnis auf unserer Weltreise fragt, antwortet er manchmal auch: Disneyland. Doch dazu ein andermal.

Infos zum Mojave Desert National Preserve

MapKarteMojaveDesertNationalPreserve

Das Schutzgebiet Mojave Desert liegt beinahe auf halber Strecke von Las Vegas nach Los Angeles. Im östlichen Teil ist es geprägt von einer gebirgigen Felsenwüste. Dort gibt es einen Campingplatz mit Toiletten. Die Sanddünen (Kelso Dunes) liegen in der westlichen Hälfte, relativ nah beim Visitor Centre im alten Bahnhof von Kelso, wo sich auf der Ost-West-Verbindung in den USA die längsten und höchsten Güterzüge treffen, die wir je gesehen haben.

USA-Mojave-VisitorCentre-Riesenzug

Das Visitor Centre hat neben allen Infos über Campgrounds, Wanderwege, Aussichtspunkte und Sehenswürdigkeiten im Mojave National Preserve auch eine sehenswerte Ausstellung. Kinder können unter anderem auf einen Rodeosattel steigen. Im Außenbereich hat vor allem der Metallkäfig, der zu Wildwest-Zeiten als Gefängnis diente, den Sohn fasziniert. Für Camper gibt es dort Wasser zum Abfüllen.

USA-Mojave-VisitorCenter-Ausstellung

Die Infrastruktur im westlichen Teil des Schutzgebietes ist ziemlich einfach. Schon die Asphaltstraße von Baker durch einen Wald bizarrer Joshua Trees ist holprig. Zu den Campgrounds, die einfach nur durch Feuerringe erkennbar sind und keine Toiletten oder ähnliches bieten, geht es nur über Schotterpiste.

Mojave Joshuatrees

Mehr über meinen Wohnmobil-Roadtrip mit Kind durch Arizona und Kalifornien findet ihr in der Rubrik USA (klick). Unsere ganze Tour mit Entfernungen und Stopps beschreibe ich in meinem Beitrag USA-Südwest im Wohnmobil mit Kind – Vom Greenhorn zum Profi in 15 Etappen.

Wart ihr auch schon mit Womo in den USA unterwegs? Habt ihr auch schon solche verrückten Reise-Abenteuer erlebt? Dann hinterlasst mir einen Kommentar!

Pin - Versandet in der Mojave-Wüste

3 Kommentare

  1. Na das nenn ich mal ein echtes Abenteuer! Wahnsinn! Zum Glück ist ja nochmal alles gut gegangen. Und wie schön, dass es gleich so viele hilfsbereite Menschen gab.
    Liebe Grüße
    Julie

    • Liebe Julie,

      das war wahrscheinlich echt unser größtes Abenteuer auf unserem 4-monatigen Roadtrip, auch wenn es noch einige andere Pannen gab. Gesammelt habe ich sie in meinem Beitrag PPech und Pannen auf der Panamericana. Von der Hilfsbereitschaft unserer Nachbarn war ich auch wirklich hin und weg!
      Liebe Grüße
      Angela
      Angela

  2. Wow! Da habt ihr ja WIRKLICH Glück gehabt! Eine ganz tolle (Vor-) Weihnachtsgeschichte der „etwas anderen Art“!

    Ein dickes Schmunzeln hat mir auch der Satz ins Gesicht gezaubert: „ Nie vorher und nie nachher habe ich mich so bereitwillig von einem Fremden abschleppen lassen“. 😄

    Herzlichen Gruß euch Reisevögeln!
    Sarah

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.